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Dämonen IV - Eröffnungsrede von Dr. Werner Marx

 

Dämonen – einige Thesen

                                                                            

Dr. Werner Marx Dämonen Der Begriff Dämon stammt aus dem Griechischen. Dort bedeutet „daimon“ Geist. Dämonen sind bei den Griechen ambivalente Wesen, die im Umgang mit den Menschen Gutes oder Schlechtes bewirken können. Sie können im guten Sinne als persönlicher Schutzgeist wirken. Sie sind in der Sphäre zwischen den Göttern und den Menschen angesiedelt.

Doch dämonische Erscheinungen sind viel älter als die griechische Mythenwelt. In den frühen Kulturen der Menschheit, in Mesopotamien oder Ägypten also etwa 3000 Jahre v.u. Z. gab es bereits einen Dämonenglauben mit bildlichen Belegen.

Dämonen sind Phantasiegebilde des Menschen. Sie existieren als abstrakte Vorstellung oder in bildlicher Gestalt. Häufig sind es Mischwesen mit tierähnlichen und menschenähnlichen Elementen.

 

Die monotheistischen Religionen, die jüdische wie die christliche, brauchen die Antithese. Das Böse, das Antigöttliche braucht eine Inkarnation, das ist der Teufel. Die Offenbarung des Johannes schildert in 12,9, wie es zu dieser antithetischen Position gekommen ist: „Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“ Zu den Gestürzten gehört auch Lucifer, übersetzt: der „Lichtträger“, einst an der Seite Gottes.

Das Christentum übernimmt die Erscheinung des Dämons, des Dämonischen, hebt jedoch im Unterschied zum Griechischen seine Ambivalenz auf.

In der Bibel gibt es mehrfache Belege für den Dämon: So soll in Markus 5, 1-20 Jesus einen von Dämonen Besessenen heilen. Das tut er auch: „Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen!“

 

Dämonen in Gestalt furchterregender Ungeheuer finden sich in der frühmittelalterlichen Literatur. So spricht Dante Alighieri (1265-1321) in der Höllenpartie seiner „Göttlichen Komödie“ zahlreiche teuflisch-dämonische Erscheinungen an, die den Wanderer bedrohen und auf das Abtauchen in den schrecklichen Höllenschlund vorbereiten. Die christliche bildende Kunst des Mittelalters bedient sich der dämonischen Figuren, um die Menschen vor den Gefährdungen ihres christlichen Glaubens zu warnen („Die Peinigung des Hl. Antonius“ von Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar in Colmar, 1525 / „Der Garten der Lüste“, rechter Flügel: „Die Hölle“ von Hieronymus Bosch, um 1500). Geweihte Stätten wie Kirchen und Klöster müssen vor dem Satan geschützt werden. Deshalb wird häufig Erzengel Michael dargestellt, wie er seine Lanze in den Rachen des am Boden liegenden Drachens stößt. Die Funktion, das Böse zu bannen, haben Darstellungen von Dämonen, die an Kirchenportalen zu erkennen sind oder versteckt im Blattwerk von Kapitellen untergebracht werden.

 

Zum Dämonischen gehört der Teufelspakt, ein Thema um 1500 ff. Faust, ein Schwarzkünstler, geht mit dem Teufel einen Pakt ein, um Wissen und Erfahrung über alle Beschränkungen hinweg zu erweitern. Er experimentiert mit chemischen Elementen. Er riskiert sein Leben, er verliert es. Eine Warnung an alle Zeitgenossen, an alle Leser der „Historia von D. Johann Fausten“, Frankfurt /Main, 1587 ! Seitdem haben zahlreiche, vor allem deutsche Schriftsteller dieses Sujet verarbeitet. Johann Wolfgang  Goethe (1749-1832) lässt in seinem „Faust“ (erster Teil 1808, zweiter Teil 1832) den Teufel (Mephistopheles) auf mehreren Ebenen agieren: Als Magier gebietet er einer Gruppe von Hexen, die sich in der Walpurgisnacht austoben, als antigöttliche Inkarnation stärkt er Fausts Skepsis gegenüber dem christlichen Glauben und als Versucher schafft  er Bedingungen, Fausts menschliche Sinne und Fähigkeiten beträchtlich zu erweitern. Faust nutzt diese Chance und gewinnt am Ende die Wette des Pakts. Hingegen führt Thomas Mann (1875-1955) in seinem Roman „Doktor Faustus“ (1947) den Tonsetzer Adrian Leverkühn, der nach Einschätzung seines Biografen von Anfang an eine „dämonisch beeinflusste Natur“ hatte, durch den Teufelspakt in den Abgrund. Er stirbt an seiner syphilitischen Krankheit und der Ausweglosigkeit seines Lebens.    

 

Martin Luther (1483 – 1546) unterscheidet  zwischen melancholischen Anfechtungen, denen er sehr wohl ausgesetzt war, und teuflischem Zauber, den er nicht zulässt. Als er auf der Wartburg die schwere Arbeit der Übersetzung leistet, wird er auch abgelenkt… Er soll mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben. Heute ist in der kargen Lutherstube auf der Wartburg zwar kein Tintenkleks an der Wand zu sehen, aber ein kleiner Teufel hängt von der Decke herab.

 

Dämonisches durchweht die Geschichten der Volksmärchen (Kinder-und Hausmärchen, gesammelt und herausgegeben von Wilhelm und Jacob Grimm zu Beginn des 19. Jahrhunderts). Böse Geister in Gestalt von Teufeln, Feen, Hexen, Zwergen verzaubern den Helden, z.B. einen Prinzen, in ein hässliches Tier, einen Drachen oder Frosch. Nur starke Gefühle, die Liebe eines Mädchens, vermögen den Zauber zu lösen. In den Volksmärchen werden Ängste und Sehnsüchte der Menschen mit abergläubischen Vorstellungen beantwortet. Einen religiösen Bezug haben Märchen kaum.

 

Und heute?

Auch ohne Depressionen gibt es Ängste – in Abhängigkeit von der Natur des Menschen und von seinem Alter -, die den Menschen bedrängen, gegen die er ankämpfen will.

Dämonen müssen nicht unbedingt die Angstmacher sein. Als Dämon kann man auch den Widerspruch, die Herausforderung begreifen, etwas Richtiges und Wichtiges zu tun, eine Entscheidung zu treffen, tätig zu sein im Faustischen Sinne.

 

Bis in die Gegenwart hinein ist der Begriff Dämon virulent. „Dämonisierung“ und „Entdämonisierung“ sind Begriffe der aktuellen politischen Diskussion. Eine politische Erscheinung, so eine Person, Partei, Debatte zu entdämonisieren heißt, ihre Wirkung im politischen Geschehen zu versachlichen, mit nüchternen Fakten einzuordnen, der Polemik zu entkleiden.

 

 

 

 

Literatur

Die Bibel, nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017

Preisendörfer, Bruno:  Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit, 2016

Lurker, Manfred(Hg.): Wörterbuch der Symbolik, 1991, Lexikon der Götter und Dämonen, 2014

Metternich, Wolfgang: Teufel, Geister, Dämonen – das Unheimliche in der Kunst des Mittelalters,  2011

 

Werner Marx